Presseerklärung

30.8.2010

Pressemitteilung

Denk-MAL-Prora e.V. stellt Arbeit ein  -
Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern um glaubwürdige Impulse ärmer
 
Der überwiegend aus Zeitzeugen bestehende Denk-MAL-Prora e.V., darunter ehemalige DDR- Oppositionelle und Opfer des SED-Regimes, wird zum 3. Oktober 2010 aufgelöst. Der Beschluss fiel auf Antrag des Vorstandes am Samstag, 28. August 2010, in Berlin. Indirekt erzwungen hat diesen Schritt die in Bezug auf Prora fragwürdige selektive und unglaubwürdige Erinnerungskultur in Mecklenburg- Vorpommern.

Etabliert hatte sich der gemeinnützig anerkannte Denk-MAL-Prora e.V. am 3. Oktober 2008. Grund war die Ignoranz der DDR-Geschichte, insbesondere die der Bausoldaten (Waffenverweigerer), im Gelände von Block V, der künftigen Jugendherberge. 2009 leistete der aus 30 Mitgliedern bestehende Verein die alleinige Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte auf dem Gelände des Jugendzeltplatzes Prora in Form von Informationsbroschüren und einer Ausstellung, er ließ einen Wachturm in Mukran unter Denkmalschutz stellen, bewahrte einen ehemaligen Gemeinschaftsraum vor der Zerstörung, weckte Sensibilität für die Arrestzellen der Bausoldaten in der heutigen Rezeption, präsentierte im ehemaligen Versorger Mukran (heute Gaststätte Altsaalfelder) die Dauerausstellung „Briefe von der waffenlosen Front“, entwickelte Bildungsbausteine für Workshops im Rahmen einer geplanten Zusammenarbeit mit dem DJH und sammelte Zeitzeugenberichte über alle Einheiten hinweg - sowie über den ebenfalls nach wie vor tabuisierten Hafenbau in Mukran.

Ausgehend vom Jugendevent „Prora 03“ wird Block V als KdF-Gelände vermarktet, während die reale Geschichte seit 1939 einen völlig anderen Verlauf genommen hat (vgl. die Entwicklung des KdF-Wagens zum VW). Selbst die Megalomanie der Anlage ist kein Ausdruck spezifischer NS-Architektur, wie andere Bauprojekte der Moderne zeigen. Mit Ausnahme des Baukörpers erhielt die Anlage ihr heutiges Antlitz in den Jahren des SED-Regimes.
In Verkennung des doppelten Denkmalwertes des Blocks V (heimliche Aufrüstung der KVP, einziges Fallschirmjägerregiment der DDR, Regimeeliten und -gegner) hat man diesen Ort radikal entkernt und mutwillig dem Verfall preisgegeben. Jetzt wird mit Millionen Steuergeldern die Jugendherberge Prora errichtet, unter Einbeziehung der geplanten KdF-Strukturen und unter kompletter Zerstörung letzter baulicher Nutzungsmerkmale aus der DDR-Zeit, die auf Antrag des Vereins zum Teil als denkmalwürdig und denkmalfähig anerkannt waren.

Ein ehemaliger Gemeinschaftsraum mit einer von einem Bausoldaten an die Wand gemalten Rügenkarte mit versteckten Botschaften (Ichthys-Symbol etc.) blieb durch die Besetzung des Vereinsgründers (2007) erhalten. Seither kämpften die Betroffenen um einen Ort der Bildung zur realen Geschichte an diesem Platz und baten vergeblich um einen runden Tisch. Statt Zeitzeugen in die Gespräche einzubeziehen wurden sie als Konkurrenten ausgegrenzt und ein Bildungszentrum für diesen Ort ausgeschrieben - unter abermaliger Missachtung der realen Geschichte und unter Federführung jener, die bis zum Anfang des Jahres mit im Prora-Zentrum e.V. saßen, der den Bildungsauftrag im Juni 2010 auch erhalten hat – an der Spitze Rügens Landrätin Kerstin Kassner (DIE LINKE). Die Entscheidung wurde in Schwerin mit einem zur Hälfte besetzten Kuratorium an einem Tag durchgepeitscht.
Denk-MAL-Prora e.V. wiederum nicht angehört.

Dieser Werdegang ist kein Glanzstück des demokratischen Rechtsstaates. Jene die für das freiheitliche System eingetreten sind und heute bereit waren, ehrenamtlich das zu leisten, was Behörden und Institutionen versäumt haben, wurden durch die Verstrickung Landeszentrale für politische Bildung/Politisches Memoriale/Prora-Zentrum sowie auch vom Landesverband DJH-MV missachtet. 3/4 des einst größten Bausoldaten-Standortes der DDR sind inzwischen vollständig entsorgt, die vorherige Dokumentation der Räumlichkeiten (zu DDR-Zeiten streng verboten), wurde nicht gestattet. Eingaben und Anfragen an Minister Tesch und an die Denkmalbehörden blieben bis heute unbeantwortet, Anträge einfach liegen.

Die Ausgrenzung geht trotz anders lautender öffentlicher Willensbekundung der Behörden und Institutionen weiter: Das Konzept des Prora-Zentrums sieht für Denk-MAL-Prora e.V. keinen eigenständigen Platz im Bildungszentrum vor. Ein seitens der Landeszentrale für politische Bildung als Zugeständnis gewerteter pädagogischer Fachbeirat beabsichtigt Prora-Zentrum mit einem Vertreter außerhalb des Denk-MAL-Prora e.V. zu besetzen. Bezüglich der letzten baulichen Merkmale im Bereich des künftigen Bildungszentrums verweisen einzelne Institutionen des Netzwerks abermals auf ihre angebliche Handlungsunfähigkeit mit Hinweis auf die anderen Entscheidungsträger. Dabei bündeln sich diese überwiegend in der Person der Landrätin.

Den mehrjährigen Kampf gegen das Verdrängen der realen DDR-Geschichte (nicht nur die der Bausoldaten), aufgrund einer Allianz von Unwissenheit und interessenbedingter Verdrängung hat Dr. Stefan Wolter in seinem Buch „Der Prinz und das Proradies. Vom Kampf gegen das Kollektive Verdrängen“ (2009) verarbeitet. Für den Vereinsgründer geht mit der Auflösung des
Denk-MAL-Prora e.V. ein doppeltes Trauma zuende.

Der Geist der ehemaligen Bausoldaten lebt in einer Interessengemeinschaft weiter. Es bleibt ihr wichtigstes Ziel, in Prora an alle vergessenen und verdrängten Stationierungsorte der Waffenverweigerer dauerhaft zu erinnern und die Jugend thematisch u. a. über die unabhängige Friedensbewegung in der DDR zu bilden. Platz gibt es genug, es fehlt allein der politische Wille. Ohne die Maxime der meisten Bausoldaten, die absolute Gewaltlosigkeit, ist die friedliche Revolution nicht zu denken.

 
Ostseeblick Nienhagen
30.8.2010
Bausoldaten-Verein Denk-MAL-Prora kündigt Auflösung an
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Trauminsel Rügen - Perle in der Ostsee
3.9.2010
Rügen: Denk-MAL-Prora e.V. stellt Arbeit ein
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Märkische Oderzeitung
31.8.2010
Prora-Verein wirft Land “unglaubwürdige Erinnerungskultur” vor
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Schweriner Volkszeitung
31.8.2010
Um Prora fliegen wieder die Fetzen
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Junge Welt
31.8.2010
Bausoldaten-Verein kapituliert
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